Texte

augenlied

Weil du keine Worte mehr hast
wollt ich dir meine geben,
hab keine Verwendung mehr dafür,
keine Kraft mehr zum Reden,
sprich’s ruhig aus an meiner statt,
gib’s ruhig zu,
dass all das Vögeln mir die Liebe weggefressen hat;
und nun sitzen wieder mal stumm in nem Café,
Alles scherzt und alles herzt sich schmerzlich um uns rum,
und uns tut derweil Alles nur ganz schrecklich weh.

Weil du keinen Schimmer mehr hast,
und ich auch nicht,
was das hier soll und wo das hinpasst,
ich verletz mich
die ganze Zeit an dir, das geht schon klar,
und es ätzt jedes Wort,
komm, wir kreisen uns ganz einfach ein,
und wir wünschen und träumen und jagen uns fort,
und dann sitzen wir wieder mal blind in nem Café,
und weil wir Alles erkennen können, nur uns beide nich
tun uns die Augen, tun uns die Augen, tun uns die Augen so weh…

frank

Grün, so grün dein Rasen,
rot, so rot dein Ziegeldach.
Heute nacht hat deine Frau dir ein‘ geblasen,
jetzt is es sechs Uhr dreißig
und du bist wach.

Kaffe gekocht und ’n Brötchen geschmiert,
rasiert und die Tasche gepackt,
noch ’n kurzer Blick in‘ Spiegel, es sollte eigentlich jeder Tag
mit nem Lächeln beginnen, so wie bei Dir-
hast die ganze Welt im Sack.

Und im Büro die nette Frau Winkelmann,
grüßt aus’m Vorzimmer, lächelt dich an,
e-mails checken und ’ne Konferenzschaltung
nach Dubai oder so.
Der Tageslichteinfall hier is der Hammer!
Ach, du und dein Büro…

Später holst du noch dein Töchterlein
vom Kindergarten ab, heut mal zu Fuß,
du bist so gut gelaunt und die Sonne scheint,
’s is n wunderschöner Tag und morgen Vertragsabschluss…

Hmm, der Frank, ja, der Frank,
ja, der Frank is Rüstungsfabrikant.
Minen nach Somalia, Granaten für’n Golan,
unter der Hand auch mal ne Panzerfaust nach Teheran;
nur abgesprengte Beine bringen Geld,
und du kannst nun mal nichts ändern an den Fehden dieser Welt,
bist ja selbst nur’n kleines Rädchen im System-
und die Kleine möcht so gerne zum Balletttanzen geh’n…

Krieg gibt’s schon so lange wie’s die Menschheit gibt,
immer wird einer gewinnen wenn ein anderer verliert,
und da ist’s doch nur n hübsches kleines Gegengewicht,
wenn ne friedliebende Mittelschicht sich angemessen gegenfinanziert,

oh ja, der Frank, ja, der Frank,
ja, der Frank, der ist recht selten krank;
durch Sauna, Joggen und ne ayuvedische Kultur,
mittels Slowfood und Massagen und auch ab und an ner Kur-
resistent wie’n alter Baumstamm, ob er schiwtzt und ob er friert,
ja, so is er, unser Frank, und irgendwo
ist grade wieder irgendetwas detoniert.

ruhe (für benjamin)

Ich hätt soviel zu sagen
und bleibe trotzdem still,
weil ich die Luft, das Erwachen,
den Tau nicht stören will.

Ich hätt noch soviel Fragen
und halte doch den Mund,
weil nur in Stille das Grau langsam
grün werden will und-

bunt. Vielleicht sogar bunt.

Lass mir nur einen Atemzug von diesem Nebelmorgen, vielleicht-

vielleicht find ich dann Ruhe,
vielleicht hält dann alles an,
was von mir Antworten will,
die ich nicht geben kann.

Vielleicht ist das ja Heimat,
wenn keiner fragt und keiner kratzt,
nach der Angst, an den Göttern,
wenn keiner bohrt und keiner schwatzt-

nur stumm. Alles reglos und stumm.

Keiner bleibt übrig außer Dir, das is dann schon okay so,
is schon okay so- vielleicht.

idioten

Dein müdes Lächeln senkt sich schwer
auf die graue Esstischplatte zwischen uns.
Du schaust zur Decke, dann schaust du nochmal her,
noch n Kaffe? Sonst noch n Wunsch?

Wir Idioten, wir ham soviel verlernt,
wollten immer nur wachsen in den Himmel rein, oder sonst irgendwo hin,
dabei ham wir uns nur immerzu entkernt,
bis wir bis zur Unkenntlichkeit eingeschrumpelt sind.

Dann stehst du auf und du willst gehn,
und mich packt wieder diese unbestimmt Angst;
oh, komm, bleib doch noch n Bisschen, vielleicht bleibt die Zeit ja stehn!
Komm, wir trinken so lang bis du mich nicht mehr sehen kannst!

Wir Idioten, wir ham soviel verlernt,
wollten immer nur fliegen, in den Himmel rein, oder sonst irgendwo hin,br>
dabei ham wir uns nur immerzu entfernt
von uns und von all den andern, die- genau wie wir- längst eingetrocknet sind.

wenn’s nich‘ wehtut
is‘ es nich‘ echt

Arme, Augen und Haare und Ohr’n
und, sicher, klar, ’n Schlüsselbein
wieder mal irgendwo blindlings verlor’n,
wieder gestrandet und wieder allein.

Dein Lachen, Deine Leiste, Deine Küsse und Dein Knie,
verflucht nochmal, es is‘ nich‘ gerecht;
jede Glut wird zu Asche, ich begreif‘ es wohl nie-
wenn’s nich‘ wehtut is‘ es nich‘ echt.

Die Nacht hat sich links, der Gin Tonic sich rechts
bei mir untergehakt, keine Ahnung, ob ich überhaupt noch leb‘,
doch dann werd‘ ich wieder klarer, dann wird mir kalt, dann wird mir schlecht
und ich seh‘ wie ich mich auf die ganze Sadt übergeb‘.

Der Morgen eine Hure und die Sonne ein Barbar,
mal wieder ’n halbes Leben verzecht,
hab‘ vergessen, wer ich gestern noch war-
wenn’s nich‘ wehtut is‘ es nich‘ echt.

Sicher, ich könnt‘ auch leiser singen,
doch wohin dann mit all dem Zorn?
Klar lässt sich’s auch vom nächsten Hochhausdach springen,
doch das entspräche etwas zu sehr der Norm.

Ich brüll‘ und ich krächz‘ so von Bühnen in Gräben,
ach, wie sich die Trunkenheit rächt,
jeder Ton, jeder Klang strebt dem Kollaps entgegen-
wenn’s nich‘ wehtut is‘ es nich‘ echt.

license to live

Ich hab als Kind die Mauer fall’n geseh’n,
ich weiß de facto noch was Trabi-Klopfen heißt.
Mein erstes Eis hab ich noch mit D-Mark bezahlt,
meine Oma war im Widerstand,
mein Leben besteht noch aus Erfahrung,
ich hatt‘ mal’n Wählscheiben-Telefon in meiner Hand!
Ich hab Bin Laden quasi selbst erlegt,
die Existenz war sogar schon mal prekär,
Flüchtlingsströme aus Nord-Afrika ha’m uns fast totgewalzt,
wir hatten noch harten, echten Geschlechtsverkehr –

Also erzähl mir nichts von Krieg, mein Lieber,
du hast doch postwendend die Hosen voll,
wenn dein Chatroom wegen Umbau mal geschlossen hat,
du hast doch keine Vortsellung, wie doll
wir noch geknechtet wurden
von Strebsamkeit und Disziplin,
wir sind die Letzten, die noch wissen, dass Twix mal Raider hieß,
wir waren glückliche Kinder,
und das ganz ohne Halloween.

Die Finanzkrise hat uns fast umgebracht
und die Bomben von den Moslems, die war’n überall,
wir waren alle in Behandlung,
und fast alle mal am Taj Mahal.
Na gut, ich war nie in Sibirien,
aber in Genua 2001,
da war die Welt noch am Pulsieren,
Mensch, was waren wir da jung, verdammt noch eins!
Da war Aids noch gefährlich,
da gab’s noch Unfälle bei Wetten dass..?,
da war youporn irgendwie noch so ehrlich
und bei all dem hatten wir noch so richtig Spaß –

also erzähl mir nichts von Krieg, mein Lieber,
du weiß doch nicht mal mehr, wie Eimer-Rauchen geht,
herrgott, das war’n andres Jahrtausend,
und, ja, Erich von Däniken hat wirklich mal gelebt,
oh Mann, was wir gepeinigt wurden,
von eisenharter Realität,
uh, Alter, was ha’m wir durchgemacht,
’n Wunder, dass man immer noch steht,
oder was meinst du?…

ach so

Ach so, du selbst begreifst dich als recht
konsequentes Resultat ei-
ner disziplinierten und ge-
rechten Hochkultur.

Ach so…

Ach so, du sammelst Eindrücke in
S-Bahnen von unterprivi-
ligierten Barraken ohne
Anstand und Kontur.

Ja, und dann freust du dich,
dass du so anders bist,
dass du mental und intellektuell
nich so daneben haust.

du bist n Sonnenkind, n Strahelmann,
n kerngesunder Ignorant,
n teilzeitblinder Tausendschön,
ein herbstzeitloser Herzensmann,
und so lang dein Herz nicht Piekt und zwickt
schaust du dir
schon auch gern mal ne Doku an.

In einer ham sie zum Beispiel gezeigt, dass die Leute da,
wo sie doch eher arm sind am aller, aller glücklichsten
durch ihr Leben tapsen…

Ja, was woll’n die denn dann da in Nigeria?!
Außerdem hast du gehört
die sind genetisch bedingt eher faul,
also könn’n wir da auch nich wirklich was für,

wenn die ihr’n Negerarsch nicht in die Höhe kriegen-
ha, jetzt komm, das war doch ganz bewusst so gesagt,
Distanzierung durch pointierte Ironie, du verstehst schon…

Börse, Börse, das is Börse, Alter,
da musste schon ne gewisse Risikobereitschaft mitbring‘,
sonst kannste dein Geld auch gleich zur Bank tragen
für zwei Prozent Zinsen, ja, dankeschön,
das frisst dir ja schon allein die Inflation auf!

Mein Sonnenkind, mein Strahlemann,
mein kerngesunder Ignorant,
mein jugendlicher Jubelbub,
mein glücksbestaübter Goldschatz, du!
So lang die Welt in Trümmern liegt,
so lange stehst du drüber,
solange bist du klüger,
weißt du was? –
ich hab dich so lieb!

schlechtes Koks

Schlechtes Koks und schlechte Parties,
blöde Frau’n und scheiß Musik,
der Rest der Welt, das war’n Delphine im Wasser,
um mich ‚rum war alles Aal in Aspik,
der Wein hat gekorkt und nachts war es kalt,
es ging sowas von überhaupt nix ab,
das war der Sommer 2012, ich wünschte
die Mayas hätten Recht gehabt.

Dort wo früher Freiwild tobte,
ungezähmt und schweißüberstömt,
find‘ ich jezt nur noch ausgepisste Feuerstell’n
und das Wild hat sich schon längst an Käfighaltung gewöhnt.

Da steh‘ ich nun ziemlich verloren ‚rum,
wo sind se alle hin?
Tja, vielleicht einfach weitergezogen,
als ich stehengeblieben bin.

Und das Wasser rauscht und die Sonne scheint,
Schwalben spielen Hasch-mich im Wind,
ach, wenn ich bloß ein Schwälblein wär‘,
weil Schwalben stets flügge sind.
Doch für mich gibt’s leider nichts zu feiern,
unter Arschfalten gefangen sitz‘ ich fest.
Statt Lustgebrüll nur Pfadfinder
mit Gitarre auf der Wiese
und ’ne Lach-Yoga-Gruppe,
die einen voll gern mitmachen lässt.

Schlechtes Koks…

So’n Typ mit langen roten Haaren
spielt Doors-Lieder am Strand.
Neben ihm, das Mädel, das raucht Shisha
und hat ihm was ganz besonderes erkannt.

Und dann schnacken sie noch kurz über Syrien,
der erste Kuss fällt in die Ratlosigkeit,
ob Kashmir jetzt in Tibet liegt,
doch so’n summer of love lässt für die Antwort keine Zeit.

Ich möcht noch einmal 13 sein,
wann macht das Schwimmbad auf?
Hat Betarice schon Brüste,
und steh‘ ich da überhaupt schon drauf?

Eine rauchen im Gebüsch hinterm Kiosk,
ins Cola heimlich Rotwein gemischt.
Oh, du Minenfeld verbot’ner Lüste,
bist mir auf Nimmerwiederseh’n entwischt.

Schlechts koks…

’s is‘ spät geworden

Spürst Du so’n neugieriges Kribbeln auf’n Wangen?
Das bin ich, ich schau Dich an.
Siehst Du mit geschloss’nen Augen so nen gelben Blitzestern?
Das bin ich, ich hab Dich gern.
Hörst Du so’n komisch-schräges Zirpen irgendwo?
Das bin ich, ich sing Dir was vor.
Schmeckst Du was salziges grad jetzt in diesem Augenblick?
Das bin ich, ich weine vor Glück…

Da kann’ste machen was De willst
ich lass Dich nicht mehr geh’n,
Du bist zu lustig, zu lebendig,
bist zu zart, Du bist zu schön.
Falls Dich das nervt, dann lauf ruhig Amok,
jetzt schlaf erst mal schön,
es ist spät geworden.
Und was immer es dann noch zu durchwandern gibt,
ist jetzt grad mal egal,
ich hab Dich lieb.

Spürst Du das Kissen unter Dir und die Decke auf Dir drauf?
Das bin ich, ich pass auf Dich auf.
Siehts Du die Wolke, die aussieht, wie’n Murmeltier?
Das bin ich, ich träum grad von Dir.
Entschuldige, Du musst verzeih’n,
doch ich krieg mich nimmer ein,
was soll ich auch machen?! Jetzt schau Dich doch mal an!
Oh, wie man nur so grienen kann,
is ja schon gut, ich halt mich zurück,
bin schon ganz still
und weine vor Glück…

Da kann’ste machen was De willst…

wenn’s brennt

Einmal ganz vorne steh’n, wenn sie vor die Hunde geh’n
und jaulen, jaulen, jaulen bis der Shot im Kasten ist.
Einmal ganz heldenhaft,
die da oben werden abgestraft,
ach wie hat man Derartiges vermisst?!…
Und es hält sich herzlich jede Hand,
ein warmer Zorn schläft mit dem glasklaren Verstand,
wir sind das Volk und das Volk ist wunderschön,
hier kosten sie die Wut-
ach nein, wie angenehm…!

Sei dabei, sei dabei, sei dabei wenn’s brennt.

Jetzt woll’n wir doch mal seh’n,
wie sich die Winde dreh’n,
wir geh’n nicht, geh’n nicht, geh’n nicht von hier fort bis alles stimmt!
Nur leider ha’m wir im Gefechtsgenuss
vergessen, was denn alles stimmen muss,
ach macht nichts, es ist Abend und wir sind
ziemlich zufrieden, darauf kommt es schließlich an,
wie man sich zornig noch was gutes tuen kann,
wir sind das Volk und das Volk ist wunderschön,
hier kosten sie die Wut-
ach nein, wie angenehm…!

Sei dabei…

winken

Foto, los, mach mal’n Foto!
Dieses Leben hier, das glaubt zu hause keiner!
Diese krasse Erdverhaftung!
Die fischen ohne Angel, nur mit Netz und Eimer!

Klar, es is‘ schon ’n Bissl schmutzig,
und es stinkt recht doll, das darf man ruhig laut sagen;
doch dafür sind die so herrlich nah am Ursprung, ,
die können Elend halt viel einfacher ertragen.

Schau, die zwei da, wie die sich küssen,
wusste gar nicht, dass die hier so offen sind!
Guck mal, die großen Schoko-Augen,
was für’n herzig-putziges, süßes braunes Kind!

Winken, wir müssen winken,
den Kambodschanern, den Malaysiern und den Inkas!
Winken, immer nur winken,
schau mal, die winken auch, das heißt ja die versteh’n das!

Was für Bilder, nicht zu fassen!
Wart‘, ich speicher das kurz ab.
Dass die das Handy nich‘ geklaut ha’m-
da ha’m wir noch mal Glück gehabt!

Was ’n ganz klein bisschen stört, das is‘ das Betteln,
einmal Nein und zweimal Nein, die gehen einfach nicht!
Ja, ich weiß, es is‘ nich‘ leicht wenn man nix zu fressen hat,
doch jetzt mal ehrlich: Die sind wahnsinnig unordentlich!-

Und da fragt man sich halt schon, was hier von was kommt, sag‘ ich mal,
wie mit dem Huhn und mit dem Ei, na ja, du weißt schon…
Es hat ja alles seinen Grund, doch wir sind schließlich generös,
fliegen nach Laos, schenken jedem Kind ’nen Luftballon und

Winken, ja ja, wir winken…

Was für Preise, nicht zu schlagen!
Komm, wir kaufen noch ’n Kind.
Nee, das war jetzt nur ’n Scherz, ich kauf in Laos doch kein Kind,
wo die doch ziemlich ungebildet sind…

Ich hab ’ne ziemlich geile Diashow zusammengestellt!
Kommst’e mal vorbei, ich zeig‘ sie dir gern;
voll die schöne Landschaft! Und die freundlichen Menschen dort-
wie von ’nem völlig ander’n Stern!

Mal abgeseh’n davon, dass die kein Englisch sprechen,
das nervt mich schon, ich mein‘
die verdienen ja nicht schlecht an uns,
kennst du deren Monatslohn?
Schon unser Bakschisch bringt da ’ne Familie durch, oder sogar zwei!

Doch, egal, nee, es war echt schön!
Man konnte Entenföten in Austernsoße tunken,
Elefanten ha’m wir auch geseh’n,
und das Wichtigste: wir ha’m gewunken!

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Torsten Knoll